Begegnung mit Systema

April 01, 2012 by Vladimir Vasiliev  

Begegnung mit Systema
Translated by Michael Andre-Korbl

Interview mit Vladimir Vasiliev aufgezeichnet auf dem Seminar in Tokio, veranstaltet von Andy

Cefai und Ryo Onishi – Februar 2012

veröffentlicht von Hiden Budo & Bujitsu Magazin

übersetzt aus dem Japanischen von Taka Kitagawa

übersetzt aus dem Englischen von Michael AndréKorbl (mit freundlicher Genehmigung von Vladimir Vasiliev)

Frage: Wann ist Ihnen Systema zum ersten Mal begegnet?

Vladimir Vasiliev (VV): Es war in den frühen 80er Jahren, dass ich Mikhail Ryabko traf.

Sie dienten während dieser Zeit beim Militär. Welche Arten von Kampfkünsten trainierten sie

derzeit?

VV: Ich trainierte vor allem für den Nahkampf. Diese Kampfkünste haben gute Details aber Mikhail

zeigte mir einen völlig anderen Ansatz.

Erinnern Sie sich an ihren ersten Eindruck von Mikhail?

VV: Ich beobachtete ihn mit einem skeptischen Blick. Er sah nicht aus wie ein Kämpfer.

Was ließ Sie erkennen, dass er so besonders ist?

VV: Die Dinge, die er zeigte, waren etwas ganz Besonderes. Ich fragte mich, ob er ein gewöhnlicher

Mensch sei, wie er solch erstaunliche Dinge zeigen kann. Er ist einfach ein guter Mensch. Nichts

Spektakuläres wie ein Bergeremit oder ein bärtiger Zauberer aus den Filmen.

Haben Sie an diesem Punkt mit dem Lernen begonnen

VV: Mikhail stellte sich nicht als „Lehrer“ vor. So haben wir nur zusammen trainiert. Ich hatte nicht

das Gefühl, dass ich ein Schüler von Mikhail war. Natürlich können wir sagen, dass wir Schüler von

Mikhail sind aber er präsentierte sich nie selbst als Lehrer.

Ich dachte, dass Sie mit Mikhail sehr eng trainiert haben. Haben Sie viele Klassen pro Wochen

genommen?

VV: Wir begannen als Freunde in unserer Stadt Tver. Mikhail kam zu mir nach Hause zum Essen

und Trinken und zum Reden. Er ist ein Meister, interagiert aber wie eine normale Person. Durch

eine solche Beziehung gewann ich Respekt und Freundschaft für ihn, auch außerhalb des Trainings.

Zu dieser Zeit nahm ich ca. 3 Einheiten pro Wochen jeweils 2 oder 3 Stunden. Und wir sind

jetzt Freunde seit über 30 Jahren.

Bekamen Sie einen besonderen Rat von Mikhail in jenen frühen Tagen?

VV: Sein Rat war „Entspanne Dich und überstürze nichts“.

Fanden Sie es schwierig, Bewegung statt Technik zu studieren?

VV: Gewöhnlich sprechen wir bei der Übung von Kampkunst ab die Geschwindigkeit, welche Waffe

oder welches Körperteil der Partner benutzt, jedoch vereinbarte Mikhail überhaupt nichts. Das

bedeutete, jeder unerwartete Angriff wäre in Ordnung. Jede Geschwindigkeit, jede Richtung, ein

Tritt oder ein Schlag, es ist alles in Ordnung. Das ist die Sache, die mich mehr als alles andere überrascht

hat. Anfangs war es sehr schwierig, sich einer solchen Freiheit anzupassen. Das Boxen, das

ich vorher übte, war nicht so.

Normalerweise trainieren wir in eine Art Muster. Lernten Sie solche Freiheit durch Osmose?

VV: Je mehr ich wusste, je mehr meiner Fehler ich fand, desto mehr fühlte ich, dass ich die Illusionen

über meine Fähigkeiten verlor. Jetzt sehe ich ebenfalls meine Fehler und statt mich dadurch

entmutigen zu lassen, versuche ich nur, an ihnen zu arbeiten.

Ich fühle dass Sie auf einem sehr hohen Niveau sprechen. Wie viel Jahre haben Sie mit Mikhail

trainiert?

VV: Etwa eineinhalb Jahre. Natürlich konnte ich manchmal nicht zum Training gehen. Ich war kein

guter Schüler.

In den 90er zogen Sie nach Toronto, Kanada.

VV: Ja.

Nach Ihrem Umzug nach Kanada sahen Sie Mikhail für einige Jahre nicht. Hatten Sie das Gefühl,

dass er sich verändert hatte, als sie ihn nach dieser langen Pause wieder trafen?

VV: Wir sprachen am Telefon, als ich umzog und sahen uns wieder 8 Jahre später. Mikhail hatte

sich sehr verändert.

Wie hatte er sich verändert?

VV: Seine Bewegungen waren noch kürzer und einfacher. Er verfügte über mehr Variationsmöglichkeiten

als in der Vergangenheit. Er war auch spiritueller geworden und sammelte viel Kraft von

dort – sehr viel.

Ich glaube, dass die Spiritualität von Systema der russischorthodoxe Glaube ist. Ist das ein Teil,

der absolut notwendig ist?

VV: Systema hat seine Wurzeln im Glauben aber dich denke nicht, dass er absolut unerlässlich ist.

Systema zu lernen könnte eingebettet sein in den Prozess, ein guter Mensch zu werden. Diese Art

von Thema ist schwer zu diskutieren, weil jeder Mensch seine eigene Reaktion hat.

Sie kontrollieren mehrere Angreifer sehr leicht auf diesem Seminar. Erwarten Sie den nächsten

Angreifer, während sie den ersten kontrollieren?

Ich bin auf der Suche nach dem nächsten Angreifer, jedoch warte ich nicht auf ihn. Ich versuche zu

fühlen. Tatsächlich ist es möglich, sie durch den Blick zu steuern. Ich weiß, wie sie auf meine Bewegungen

reagieren und positioniere mich entsprechend.

Ich verstehe: mit Ihrer flexiblen Fußarbeit kontrollieren Sie mehrere Angriffswinkel, ohne sich

von der Stelle zu bewegen. Wenn Sie sich bewegen müssen, bewegen Sie sich rückwärts und

kommen von hinten. Wie können Sie dann das „Gefühl“ entwickeln?

VV: Es ist schwer zu erklären aber je mehr Flexibilität und Komfort Sie im Körper haben, desto

mehr beginnen Sie zu fühlen.

Können Sie selbst Bewegungen finden oder erfinden?

VV: Wir können unsere eigenen freien Bewegungen im Training üben. Wichtig zu erinnern ist, die

eigene Bewegung zu finden, ohne jemanden zu imitieren. Jeder hat seine eigene besondere Art

sich zu bewegen.

Wiederum ist hier der Schlüssel in Bewegung zu bleiben, richtig?

VV: Das ist was ich glaube. Wir vergessen die Technik, wenn die Angst kommt. Effizientes Denken

wird durch die Angst ausgeschaltet.

Was ist Ihre aktuelle Herausforderung? Ich finde keine Mängel in Ihrer Arbeit.

VV: (schüttelt den Kopf) Ich denke, dass ich zu viel Spannung habe. Je mehr ich Systema verstehe,

desto mehr finde ich tiefe Spannung. Ich bin auch zu verspielt

Zu verspielt?

VV: Ich meine, dass ich mich zu viel zu bewege. Wenn Sie Mikhail ansehen, können Sie verstehen,

was ich sage. Mikhail ist das Beste für mich.

Ehrlich gesagt, ist die Bewegung von Mikhail zu hoch, um sie zu verstehen.

VV: Genau. Ich möchte das lernen.

Andy Cefai, ein Systema Ausbilder und Leiter von Systema Japan. Andy, mach weiter.

Andy (A): Sie rieten mir, „mehr in mir selbst zu suchen“. Zum Beispiel sagten Sie mir, „Wenn jemand

versucht, Sie zu schlagen, sollten Sie nicht auf den Gegner schauen oder seine Bewegung

analysieren. Zu dieser Zeit sollten Sie in sich selbst beobachten. Dann kennen Sie sich selbst und

sie bewegen sich auf der Basis von sich selbst. Mit einem solchen Ansatz können Sie neue Wege

gehen“. Könnten Sie mir dazu mehr Details geben?

VV: Wenn Sie während einer Übung auf den Gegner schauen, bedeutet das, Sie möchten etwas als

Lehrer zeigen. Je mehr Sie versuchen zu zeigen, desto verwundbarer sind Sie. Versuchen Sie stattdessen,

während Sie arbeiten, nach innen zu schauen. Dann können Sie eine positive Veränderung

für alle erwirken.

A: Ich verstehe. Nicht auf den Gegner schauen, sondern sich selbst beobachten.

VV. Jemanden im Training zu unterstützen, kann sein eigenes Ego aufzeigen. Menschen, die sich

nicht selbst helfen können, können nicht andere Menschen unterstützen. Wohingegen du der

Meister bist, wenn du an dir selbst arbeiten kannst, während du anderen Menschen hilfst. Je mehr

Sie diese Art des Trainings üben, desto mehr werden Sie wissen, was ich meine.

Vielen Dank für die Zeit, die sie uns heute gegeben haben.

VV: Vielen Dank,

Die japanische Version dieses Artikels kann über nachfolgenden Link eingesehen werden:

http://www.russianmartialart.com/main.php?page=m_japaneseseminar

Vladimir Vasiliev Born in Russia, Vladimir Vasiliev received intense combative training and profound Systema training from Mikhail Ryabko. Vladimir moved to Canada, and in 1993 founded the first school of Russian Martial Art outside Russia - Systema Headquarters.

He has since personally trained and certified well over 700 qualified Russian Martial Art Systema instructors and schools in over 40 countries worldwide, and has produced an Award-Winning instructional film collection. Vladimir holds a number of government medals and awards including the Russian "Order of Duty and Honor" and the "Order of Loyalty". He offers regular training at his school in Toronto, at international seminars and camps, and through the Systema Video Program.